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aKT.1
Die Galaxien in uns

Festen Boden gibt es nicht mehr.Der tiefe Atemzug eines Akkordeons trägt einen weiß gekleideten Menschen in eine labyrinthische Welt. Wie von Geisterhand bewegen sich Türen, geben Räume frei, verschließen sie wieder. Samt den seltsamen lemurenhaften Geschöpfen, die für Augenblicke sichtbar werden und wieder verschwinden.
Die Theatergruppe Coop05, in Köln und Klagenfurt ansässig, trägt das Jahr ihrer Gründung im Namen, und in ihrer kurzen Geschichte sind ihr schon mehrere preisgekrönte Produktionen gelungen. Jetzt haben die Theatermacher um die Schauspielerin Susanne Kubelka und den Regisseur Gerhard Roiß im wahrsten Wortsinn nach den Sternen gegriffen. Als „kosmische Groteske“ dramatisierten sie den Science- Fiction- Klassiker „Solaris“. Der polnische Autor Stanislaw Lem, ausgebildeter Mediziner und sachkundiger Kritiker des technologischen Zeitalters, hat dem populären Genre mit seinem Roman von 1961 zu einer philosophischen Dimension verholfen. Die Mainstream- Geschichte von der Expedition ins Weltall erzählt parabelhaft als Reise ins menschliche Innere. Im Kosmos ist nur das zu finden (oder für uns zu erkennen), was wir aus den Erfahrungen, Bildern und verdrängten Erlebnissen unserer Existenz hineinprojizieren. Die Außerirdischen sind Innermenschliche.
Das erzählt Lem in einer genialen Konstruktion. Die Forscher auf einerRaumstation, die den Planeten Solaris umkreist, werden heimgesucht von „Gästen“, täuschend echten Simulationen von Menschen, mit denen sie eine ungelöste Geschichte verbindet. Für die zentrale Figur, den Psychologen Kelvin, ist das seine Frau Harey, die sich vor Jahren das Leben nahm. Täuschung und Selbsttäuschung, Sehnsucht und Paranoia bestimmen abwechselnd die „Wiederbegegnungen“ der beiden, die auch nicht anders enden kann als ihre reale Beziehung.
 Wer mit technisch begrenzten Theatermitteln in Konkurrenz zu den Bildern und Erwartungen treten will, mit denen der Film des Genre Science Fiction geprägt hat, muß starke und konsequente Ideen haben Auch „Solaris“ wurde bereits zweimal verfilmt. 1972 von Andrej Tarkowsky und 2002 von Steven Soderbergh. Coop05 spielen mit einfachen Grundelementen wie beweglichen Türen und bildkräftigen Setzungen wie dem leitmotivisch eingesetzten Akkordeon (Bühne: Judith Kehrle). Dazu kommen großformatige Videoprojektionen, die vieldeutige Assoziationen offen lassen (Andre Lehnert). Auf einer Tanztheater- Ebene (Choreographie: Paula Scherf) brechen die Phantasmagorien, die mehr und mehr von den Menschen Besitz ergreifen, in alptraumhaft wiederholten Beweungssequenzen in das Geschehen ein. Unterstützt durch eine suggestive Bühnenmusik (deren Urheber im Programmheft ungenannt bleibt) gelingt es dem Regisseur Gerhard Roiß, eine geheimnisvoll- unheimliche, von unbestimmter Spannung knisternde Atmosphäre zu schaffen. Zwar ist der Verlauf der Handlung nicht immer nachzuvollziehen, die Stimmung des Romans trifft es aber ausgezeichnet. Die Hauptdarsteller Guido Renner, Susanne Kubelka, Waldemar Hooge und Philipp Sebastian lassen sich ein auf die emotionalen und intellektuellen Grenzgänge der Figuren. Ein Ensemble, das sich durch seine homogene Professionalität abhebt von vielen Produktion der freien Szene.
So gelingt Coop05 der Beweis, dass es keinen großen technischen Aufwand braucht, um den Zuschauer in eine fremde Welt zu versetzen. Identifikationsstarke Darsteller, rätselhafte Bildzeichen und die bedrohliche Präsenz der schattenhaften Gestalten, die von mumienartg bandagierten und kreidig geschminkten Tänzerinnen verkörpert werden, schaffen eine alptraumhafte Stimmung in der Innenwelt und Außenwelt, Wahrnehmung und Halluzination nicht mehr von einander zu trennen sind. Und so gelingt der kühne Griff nach den Sternen, genauer gesagt dem verwunschenen Planeten „Solaris“.

Ulrike Gondorf - 09. März 2009



Kölner Stadtanzeiger

[...]
Wo Effekte und Tricks, die der Fantasie der Literatur und dem Film zu Gebote stehen, ohnehin nur albern wirken würden, kann man die Unmöglichkeit einer naturalistischen Illusion gleich selbst thematisieren. So bei Regisseur Gerhard Roiß. Er setzt in seiner Interpretation von Stanislaw Lems Kultbuch „Solaris“ einfachste Mittel wirkungsvoll ein. Verschiebbare Türen markieren die von fremden Wesen bevölkerte Forschungsstation: Mal befindet sich hinter ihnen eine Kreatur, dann ist sie wie von Zauberhand verschwunden. So zeigt die Raumlösung an diesem Abend die Überforderung des Menschen angesichts der Resultate seines Forscherdrangs [...]

(nis) - 03. Februar 2009



K´┐Żlner Rundschau
"Ein ferner Planet"

[...]Die Gruppe Coop 05 hat erkannt, dass dieser Roman nie aktueller war als in unserer Epoche der allumfassenden elektronischen Aufrüstung. [...] Imponierend der Mut, mit dem sich Roiß und sein Ensemble an die Inszenierung des komplexen Stoffes begeben. [...] Eine treffliche Idee gelingt mit einem Ensemble wandernder Türen, hinter denen sich Vorstellungsmonster der drei Männer verbergen. [...]

31. Januar 2009



www.kultura-extra.de
Zwischen Türen verloren

Der Kulturverein Coop05 zeigt „Solaris – eine kosmische Groteske nach Stanislaw Lem“ in der Alten Feuerwache in Köln „Am furchtbarsten ist das, was nicht passiert ist“, sagt der Wissenschaftler Snaut. Und meint damit die Dinge, die eben doch passieren – allerdings nur in unseren Köpfen. Die uns heimsuchen und quälen, von denen wir nicht loskommen, weil sie unsere Gefühle und unsere Vorstellungskraft beschäftigen.

Der Planet Solaris, vom polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem für seinen 1961 erschienenen gleichnamigen Roman erfunden, ist der perfekte Ort für derart hartnäckige Imaginationen: Als der Psychologe Chris Kelvin die auf Solaris gelegene Raumstation betritt, hat sich ein Besatzungsmitglied umgebracht, die zwei verbliebenen Wissenschaftler wirken verstört, tun geheimnisvoll, sprechen in Andeutungen und Rätseln. Schnell kommt heraus, was sie vor ihrem Besucher verbergen wollen: Ein Ozean auf Solaris wurde zu Forschungszwecken mit Röntgenstrahlen beschossen, doch die Strahlen wirken zurück und besetzen Nischen im Gedächtnis der Astronauten. Unheimliche Wiedergänger, von den Forschern „Gäste“ genannt, beherrschen das Raumschiff – und sind doch nur Materie gewordene Produkte ihrer eigenen Gefühls- und Gedankenwelt. So sieht sich auch Chris Kelvin plötzlich seiner verstorbenen Frau Harey gegenüber, an deren Selbstmord er sich nicht schuldlos fühlt. Aus der Begegnung mit ihr – oder besser: mit dem halluzinatorischen Traum-Wesen, das wie Harey aussieht – entwickelt sich für Kelvin und die anderen Weltraumreisenden ein Gedankenspiel zwischen Wissenschaft und Gewissen, zwischen Tat und Konsequenz, zwischen uralten Menschheitsfragen und gefühlter Ohnmacht, dem sie sich an diesem abgeschlossenen Ort, an dem ihr Innenleben ihnen im Außen begegnet, nicht entziehen können. „Solaris“ wurde 2002 von Steven Soderbergh verfilmt, mit George Clooney in der Rolle des Kelvin. Die Theaterfassung des deutsch-österreichischen Ensembles Coop05 lehnt sich jedoch ausdrücklich an das Drehbuch der ersten Verfilmung von 1972 an, realisiert vom sowjetischen Regisseur Andrej Tarkovskij. Doch dies zu wissen ist eigentlich unwichtig angesichts einer Inszenierung, die auf sehr souveräne Weise zu ihrer eigenen, auf die spezifischen Bedingungen des Bühnenraums überzeugend abgestimmten Interpretation findet.

Fünf Türen bestimmen die Szene. Türen, die sich öffnen und schließen. Türen, durch die jemand eintritt und wieder verschwindet. Türen, die sich tanzend durch den Raum bewegen und hinter denen man allerlei Unklares vermutet. Türen wie Möglichkeiten, die Dinge von dieser oder von jener Seite zu sehen. Nichts hat Bestand, nichts ist echt, alles ist wandelbar in diesem Szenario. Dazu passen sphärisch inspirierte Suspense-Klänge, in denen bedrohliche und beruhigende Elemente sich die Waage halten.

Wie schon im Titel betont Regisseur Gerhard Roiß auch in seiner Umsetzung die groteske Seite der phantasievoll-verstrahlten Romanvorlage: Wie verlotterte Don Quixotes sehen sie aus, diese ratlosen Wissenschaftler, die in einer sie überfordernden Grenzsituation gegen die eigenen Windmühlen kämpfen.

Dazu bewegen sich erdfarben geschminkte Tänzerinnen wie personifizierte Gemütszustände über die Bühne, verbiegen und verzerren sich zu bildlichen Metaphern des Suchens und der Unsicherheit. Dass diese schwer greifbare Thematik stets stimmig bleibt, dass diese eigentlich düster-melancholische und mit 110 Minuten auch recht lange Inszenierung bis zuletzt die Spannung hält und dabei sogar witzig und poetisch wirkt, ist das Verdienst aller Beteiligten: Auf äußerst sensible Weise stellt Gerhard Roiß seine Darsteller immer wieder zu suggestiven, wie gemalt wirkenden Bildern zusammen und lässt sie eine Minute später körperintensive Sequenzen spielen, die beeindrucken und dabei ohne jede Effekthascherei auskommen.

Die Schauspieler Guido Renner, Susanne Kubelka, Waldemar Hooge und Philipp Sebastian spielen Figuren, die melancholisch und stark zugleich sind, deren Pathos nie falsch wirkt und denen man auch gelegentliche Albernheiten abnimmt. Die Videoprojektion auf Großleinwand, viel zu oft letzter Rettungsanker verzweifelter Theaterregisseure, wird hier nicht überstrapaziert, sondern punktuell und wiederum sehr stimmig eingesetzt: André Lehnert zeigt Bilder von verstörender Schönheit, die sich mit Bühnenspiel und Musik zu einem überzeugenden Gesamtkunstwerk verbinden.

Letztlich ist diese Inszenierung wie der Planet Solaris selbst – irritierend, faszinierend, eine Art Zauberberg, auf dem man vor allem sich selbst begegnet. Und das Beste ist immer das, was gerade passiert.

Holger Möhlmann - 31. Januar 2009